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Dienstag, 24 Oktober 2017 06:00

Erst machen, dann fragen

Gerade ist wieder viel los. Die Tage beginnen früh und enden spät. Dazwischen tobt das Chaos. Das ist nicht nur bei mir so. Wohin ich gerade höre in der Gemeinde und im Freundeskreis, bei den meisten tanzt der Alltag Tango; und man versucht Schritt zu halten. Freundlich zu bleiben. Vielleicht sogar gelassen. Doch am Ende vom Tag ist man froh, wenn man nicht zu viele Menschen angeblafft hat (zumindest geht es mir so) und sich der Stapel an Aufgaben, wenn schon nicht verkleinert, zumindest nicht vergrößert hat. Meine Fehlerquote steigt. Das ärgert mich. Dinge werden erst knapp vor der Deadline fertig, was zusätzlichen Stress auslöst.

Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen. (Mat 11,28)

Ich kenne den Vers aus Matthäus 11 auswendig. Okay, zugegeben, ich kenne ihn im Lutherdeutsch auswendig. Da steht dann was von mühselig, beladen und von erquicken. Der Vers wird so oft genannt, dass sich diese alten Worte eingebrannt haben, ohne, dass ich sie jemals in meiner normalen Sprache gebrauchen würde.

Obwohl ich oft erlebt habe, dass Jesus mir begegnet und hilft, fühlt sich das Versprechen dieses Verses im Moment seltsam leer für mich an. Es ist ein bisschen wie Zuckerwatte. Es ist süß, aber sobald man es im Mund hat, zerfällt die Wolke zu Nichts. Nur ist das doch so gar nicht Gottes Art - leere Versprechungen.

Ich habe mir den Vers noch einmal angesehen. Und das was drum herum steht. Es geht darum, dass Jesus zeigen will, wer und wie der Vater wirklich ist. Es geht um Beziehung. Es geht darum einen Schritt zurück zu gehen und sich darauf zu konzentrieren, was wirklich zählt.

Was zählt in meinem Leben wirklich?

Viele Dinge sind laut, viele sind dringend. Manche davon sind auch wichtig. Aber Jesus verspricht: "Die wirklich wichtigen, werden dich nicht stressen. Du kannst sie tragen, du wirst sie nicht als schwer empfinden. Schau genau hin, ich zeig's dir."

Nur mache ich im Moment genau das Gegenteil. Gerade habe ich -das muss ich gestehen- mein allmorgendliches Frühstück mit Gott geopfert. Geopfert für eine Stunde mehr Schlaf. In solch stressigen Zeiten brauche ich den Schlaf dringend, um zu funktionieren. Diese Zeit fehlt mir nun, um Gott zu suchen.

Das hat dazu geführt, dass ich gerade etwas fantastisches erleben darf. Ich darf erleben, wie Gott mich sucht. Er schlüpft in die kleinsten Zeitfenster. Er überrascht mich zum Beispiel bei meinem 20-Minuten-Spaziergang im Wald, während einer Seminarpause oder setzt sich Abends still an mein Bett, während ich auf den Schlaf warte und es mir vor den zu erwartenden Albträumen gruselt. Erstaunt stelle ich fest, wie unsere Beziehung eine neue Dimension gewinnt. Es ist schön, von Jesus gesucht zu werden. Gemeinschaft geschenkt zu bekommen, ohne selbst etwas dazu beizusteuern.

Nein, ich möchte nicht dafür werben, die eigene Zeit mit Gott zu kappen, um darauf zu warten, dass Gott von sich aus hinter einem her kommt. ;-) Auch wenn er das wahrscheinlich tun würde.

Denn gleichzeitig passiert noch etwas anderes: mir geht über den Tag hinweg Zeit verloren. Es ist fast wie bei Michael Endes 'Momo', wo die grauen Herren den Menschen die Zeit stehlen und diese ab da freudlos durch den Tag hetzen. Mir fehlt die Zeit, um mich auf das zu fokussieren, was wirklich zählt. Und weil ich gerade keine Zeit habe zu fokussieren und auszusortieren, versuche ich einfach alles zu machen.

So gesellt sich eine Aufgabe zur nächsten. Es wird immer mehr. Die Zeit rast und ich fühle mich getrieben. Es ist alles so wichtig, so laut und so drängend. Das, was leise ist, zu kappen (und dazu gehört leider auch Jesus; Schreien scheint so gar nicht sein Ding zu sein) und dem Lauten Raum zu geben - in diese Falle tappe ich immer wieder. Paulo Coelho hat einmal gesagt:

“And a mistake repeated more than once is a decision.”

Würde ich mir gerade die Zeit nehmen über diesen Ausspruch nachzudenken, müsste ich dem guten Herrn Coelho wahrscheinlich recht geben. Erfahrungsgemäß gibt es immer irgendwo einen Punkt, an dem ich mich entschieden habe, den bequemen Weg zu gehen. Neue Aufgaben nicht erst in Ruhe mit Jesus zu besprechen, sondern gleich Ja zu sagen (fällt mir deutlich leichter als Nein). Nicht zu priorisieren. Jedoch kommt dann der Punkt, an dem sich das Joch schwer anfühlt. Ich fühle mich beladen. Das ist ein sicheres Zeichen, dass es nicht von Jesus ist, was da auf meinen Schultern rumliegt.

Nun ist es mir bewusst, doch ein Ausstieg klappt nicht so schnell, wie ich es gerne hätte. Denn nun habe ich schon bei einigen Dingen zugesagt. Und einfach mein Wort, das ich gegeben habe, zurück zu ziehen, ist nicht mein Ding. Also Zähne zusammen beißen, durchhalten und bei neuen Aufgaben abwägen: erst Gott und was ihm wichtig ist. Und dann die restliche Zeit mit den Aufgaben füllen, die anfallen. Was übrig bleibt mit einem 'Nein' konfrontieren, delegieren oder auch mal entscheiden, es unerledigt lassen.

Schon schräg, dass einem manche Dinge so bewusst sind und sich doch so schwer umsetzen lassen. Wünscht mir Glück.

Ich denke an euch.