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Dienstag, 07 November 2017 06:01

Und täglich grüßt das Murmeltier

Restaurant. 21 Uhr Abends. Das Kind am Nachbartisch ist quengelig und heult. Mich packt der Neid. Nicht, weil ich auch ein quengelndes Kind möchte (heute mal nicht), sondern, weil dieses kleine Wesen sich nach Lust und Laune aufführen darf. Am liebsten würde ich jetzt nämlich mitmachen. Zwischen meinen Schläfen hat sich vor einer halben Stunde ein hartnäckiges Pochen festgesetzt. Außerdem tauchte die nicht sehr hilfreiche Frage in meinem Kopf auf, ob ein halb voller Teller Spaghetti ein ausreichend angenehmes Kopfkissen abgeben würde. Die Tatsache, dass ein großer Teil von mir mit einem sehnsüchtig-begeisterten "Ja, absolut!" antwortet, beschreibt meinen Zustand wohl ausreichend.

Nein, ich hab mich nicht in die Spaghetti abgelegt. Irgendwann in den letzten Jahren bin ich erwachsen geworden. (Wann und vor allem warum, kann ich nicht so genau sagen.) Um mich herum ist eine Gruppe lieber Menschen, die sich angeregt unterhalten und, im Gegensatz zu mir, völlig wach sind. Obwohl deren Tag genau so lang war. Ich versuche den Gesprächen zu folgen, stimme ins Lachen ein und hoffe, dass es nicht auffällt, dass ich den Faden längst verloren habe.

Es gibt Menschen, die scheinen ein schier unerschöpfliches Reservoir an Energie zu besitzen. Ich gehöre leider nicht dazu. Das hat mich lange Zeit sehr geärgert. Ich empfinde mein niedriges Energielevel als unfair.

Mein Lieblingsgenre bei Büchern sind Krimis und Thriller. Am liebsten die, wo die unerschrockene Kommissarin bei Tag und bei Nacht an einem Fall arbeitet, bis sie den Täter gestellt hat. Was habe ich mich oft in solche Situationen geträumt. Ich … unfassbar klug … unfassbar gut aussehend … unfassbar erfolgreich ... und unfassbar wach. Realistischer wäre für mich allerdings die Rolle von Dornröschen. Nur dass ich zum Einschlafen keine Spindel brauche.

Meine eigene Müdigkeit war für mich immer gleichbedeutend mit Faulheit und mangelnder Disziplin. Instinktiv suche ich mir Menschen, die ein viel geringeres Schlafpensum brauchen und vergleiche mich mit diesen. Das perfekte Rezept zur Unzufriedenheit.

Ich weiß nicht wie oft ich Jesus die Ohren voll geheult habe, weil das mit dem weniger Schlafen bei mir einfach nicht klappt und weil ich das schlimm finde. Weil ich doch gerne wie mein Traumbild von der Kommissarin wäre. Aber ich bin nicht so. Weniger schlafen geht ein paar Tage gut, dann kommen Dauerkopfschmerzen, Übelkeit und ich fange mir irgendein Virus ein. Längere Müdigkeit endet bei mir zu 90 % in 'ner fetten Erkältung.

Doch anstatt, dass Jesus mir einfach einen Energieschub gibt oder mir einen größeren Akku spendiert, lässt er mich die Psalmen lesen. Dort finde ich folgenden Vers:

Ja, der Beschützer Israels schläft und schlummert nicht. Ps. 121,4

Kurz darauf höre ich zu genau dieser Stelle eine Andacht. Dort werde ich mit der Aussage konfrontiert, dass Schlaf nichts Böses ist, dass jeder Mensch ihn braucht und dass Schlaf sogar geistliche Komponenten hat.

Schlaf ist die Aktivität, die wir mehr praktizieren, als jede andere. Circa ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend. Entzieht man dem menschlichen Körper Schlaf, wird er nach und nach seine Funktionen einstellen. Jeder Mensch muss schlafen – doch Gott schläft nicht. Jesus ist immer wach. Er muss nicht schlafen. Er wacht über uns, er wird nicht müde, nicht unaufmerksam. Schlaf ist für mich nun eine tägliche Erinnerung geworden, dass ich nicht Gott bin. Ich habe nicht seine Reichweite, nicht seine Spannkraft, nicht seine Übersicht und nicht seine Kontrolle. Er hat die Kontrolle und das Tag und Nacht.

Das zweite, was ich lernen darf ist, dass Schlaf, ein starkes Bild für Vertrauen ist. Niemals sind wir so verletzlich und ausgeliefert, wie wenn wir schlafen. Auch wenn ich in meinem Schlafzimmer relativ sicher bin, teilen viele Menschen dieses Privileg nicht. In der Bibel gab es Menschen – zum Beispiel König David – der oft nicht in Sicherheit schlafen konnte. Jeden Abend bewusst unter Gottes Flügeln Zuflucht zu suchen hilft mir, mich auch im Alltag immer bewusster auf Ihn zu verlassen.

Also mache ich das nun; und zwar zunehmend entspannter: unter Gottes Flügel krabbeln und schlafen. Kraft tanken für den nächsten, wundervollen, wilden, chaotischen Tag. Und wenn mir Mittags die Energie ausgeht…lege ich mich kurz hin, wenn es möglich ist. Schnellaufladung, damit es bis zum Abend reicht.

Nein, sonderlich glücklich bin ich darüber nicht. Ich hätte lieber das Energielevel meiner besten Freundin oder meiner Schwägerin. Ich finde es fantastisch, was diese Menschen an einem Tag alles schaffen und dabei gelassen, freundlich und lustig bleiben. Ich kann das nicht. Schade. Aber ich kann andere Sachen. Offensichtlich braucht Gott mich für den Dienst, in den er mich gestellt hat, nicht mit einem 18 Stunden Akku. Vielleicht kuschelt er auch nur gerne mit mir und hat mich gern bei sich unter seinem Flügel.

Dann kuschle ich eben und er kann auf mich aufpassen. Denn er schläft ja nicht. Während ich auftanke, arbeitet er mit anderen seiner Kinder, die gerade wach sind. Ich bin nicht Gott, ich muss die Welt nicht retten. Das hat er schon gemacht. Morgen darf ich wieder ein bisschen mitspielen und meinen Teil beitragen. Aber jetzt schlafe ich erst mal eine Runde. Es ist nämlich schon wieder nach 21 Uhr.

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