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Mittwoch, 19 Dezember 2018 00:00

Nicht stornierbare Auszeit - Teil II

Das neunzehnte Türchen...

Das Meer klingt wild. Zumindest für die sonst eher zahme Ostsee. Es ist frisch und kalt und so dunkel, dass man die weißen Schaumkronen nur erahnen kann. Der Wind zerrt an meinem Anorak. Nach der langen Autofahrt dröhnt mein Kopf, aber die mit Salz und Sauerstoff angereicherte Luft tut gut. Ich wollte nicht her kommen. Doch nun merke ich, wie der Stress aus mir herausfließt. Ich atme, stemme mich gegen den Wind und setze einen Fuß vor den anderen.
Die Häuser hier sind schön geschmückt. Weihnachtlich. Nicht so wie meine Baustelle zu Hause. Am Ende der Woche wird der Weihnachtsmarkt eröffnen und Touristen anlocken, aber bis dahin dürfte es hier angenehm ruhig sein. Die Atmosphäre in den Lokalen ist fast familiär.

Jetzt kann ich nichts mehr tun. Ich bin einfach hier. Das Internet ist zu wackelig um viel damit anzufangen. Ich kann eure Kommentare lesen und freischalten aber damit endet es auch schon. Also akzeptiere ich die Passivität. Freue mich an euren Zeilen, freue mich an dem Adventskalender einer Freundin, der jeden Tag ein Bild und einen kleinen Satz beinhaltet. Freue mich an der Zeit, die ich plötzlich habe. An den Büchern, an den Gesprächen mit meinem Mann. An dem Adventsbibelleseplan, der mir zufällig vor die Füße geflattert ist.

Mein Leben ist so unperfekt wie dieser Advent. Aber gerade stört es mich nicht. Gerade greife ich nach dem was ich habe und muss erstaunt feststellen, wie viel das ist. Ich genieße diese Woche. Genieße es, dass ich atmen kann, meinen Gedanken nachhängen und mich dem leisen Suchen nach Gott im Advent zuwenden darf.

Wenn ihr das lest, bin ich hoffentlich wieder wohlbehalten zu Hause. Gleich geht es hier ans Packen.
Die Woche hat mir gut getan. Luxus, so nah am Strand. Im Alltag kann ich nicht einfach ans Meer gehen, mich durchpusten lassen und mit klarerem Blick zurück in meinen geliebtgehasstes Chaos springen. Aber wer kann das schon? Die Kunst ist wohl, sich auch ohne so einen radikalen Schnitt den Kopf wieder zurecht zu rücken. Den Perfektionismus mal sein zu lassen. Sich an dem zu freuen, was man hat. Ob ich das nächstes Jahr (oder auch nur in der kommenden Woche) schaffe, weiß ich nicht. Aber versuchen werde ich's, das steht fest.