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Dienstag, 01 Oktober 2019 00:00

Jahreszeitenwechsel

Als würde sich die Natur dafür entschuldigen, dass sie sich nun auf die Winterpause vorbereitet, explodiert noch einmal alles: Farben, Gerüche, der Geschmack reifer Früchte und Nüsse. Die Nachbarskinder verbringen jede ihrer freien Minuten draußen und auch der Kindergarten von Gegenüber lässt seine Kids im fallenden Laub spielen.

Ich stehe mit einer Tasse heißem Kakao auf dem Balkon und schaue über die Stadt. Spüre den Wind, der an den Haaren zupft und die kühlen Steine unter meinen strümpfigen Fußsohlen. Ich hätte Schuhe anziehen sollen. Und vielleicht eine Jacke. Es ist kühl geworden. Dennoch fühle ich mich seltsam lebendig, möchte bei diesem Herbsttanz mitmachen, zwischen den Blättern herumspringen, an Kräutern riechen und Pilze sammeln gehen. Das mit den Pilzen lasse ich, da ich mit zielstrebiger Sicherheit mich und alle Mitessenden umbringen würde. Aber in Gedanken bin ich praktisch die ganze Zeit mit dem Körbchen im Wald.

Früher, wenn der Herbst kam, habe ich in dem riesigen Garten meiner Großeltern Elfe gespielt. Ich habe alles an Beeren und Gräsern gesammelt, was irgendwie besonders aussah und habe es in meiner Elfenküche für den Winter präpariert, damit mein Volk die kalten Jahreszeit überlebt. Und es gab ein großes Herbstfest mit Kuchen, Suppen, Pasteten, Keksen und hausgemachter Elfenlimonade. Bis auf ein paar Beeren von der Hecke zu pflücken fand das meiste davon nur in meinem Kopf statt (so wie das Pilzesammeln jetzt), doch wenn ich zurück denke sind die Bilder so lebendig, dass ich sie von realen Erinnerungen kaum unterscheiden kann.

Mir wird es auf dem Balkon zu kühl und ich gehe zurück ins Wohnzimmer. Die Decke liegt schon bereit und ich kuschle mich mit meiner Bibel auf die Couch. Auch zwischen Jesus und mir wir nun hoffentlich eine besondere Zeit anbrechen. Eine Zeit voller Kerzen, heißem Tee und Kuschelmomenten. Es fällt mir leichter ruhig zu werden, in der Bibel zu lesen, Tagebuch zu schreiben, in Geschichten einzutauchen, zu beten und zu hören, wenn es Herbst wird. Vielleicht liegt es daran, dass Herbst und Winter die Zeiten der Geschichten sind, der vertrauten Gemeinschaft von Freunden und Familie im Wohnzimmer. Zumindest theoretisch.

Wie noch in keinem Herbst zuvor trifft mich dieses Jahr die Erkenntnis, wie sehr wir uns in unserer Gesellschaft von dem natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten entfernt haben. Das Leben tanzt nun nicht um anschließend ruhiger zu werden und sich in einen kuschelig ruhigen Winterschlaf zurück zu ziehen. Es holt Schwung. Die Schule hat begonnen und mit ihr das neue Arbeitsjahr. Termine jagen Termine und nehmen keine Rücksicht auf Wetter oder Befindlichkeiten. Und im Laden gibt es ohnehin das ganze Jahr über alles zu kaufen. Die saisonalen Sachen erkennt man eigentlich nur daran, dass sie meist günstiger sind als sonst.

Ich weiß nicht, ob ich es dieses Jahr schaffe mir in (un)regelmäßigen Abständen ein paar ruhige Minuten zu gönnen. Runter zu kommen. Dem natürlichen Rhythmus aus Leben, Sterben und Neubeginn nachzufühlen. Aber ich wünsche mir es und ich habe Sehnsucht.

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