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Montag, 14 Oktober 2019 18:30

Warum ich?

Das Königinnencasting beginnt. Nur dass die Teilnehmerinnen nicht nach Teilnahmebereitschaft ausgesucht werden. Xerxes bestimmt, und seine Beamten gehen Mädchen einsammeln. Nur die jungen, nur die schönen. Herkunft egal, Hauptsache man sieht gerne hin.

Ich frage mich, welche Dramen sich damals in den Häusern abgespielt haben. Oder welche Glücksmomente. Denn etwas ist sicher: einmal im Harem aufgenommen, wirst du als Frau in Sicherheit und ohne Hunger überleben. Ein Vogel im goldenen Käfig. Aber ein gut genährter, lebendiger Vogel. Immerhin.

Wann immer ich diesen Text lese, bin ich verblüfft, über was er alles nicht berichtet. Wir lesen nicht, wie es Esther ging. Ob sie es furchtbar, oder furchtbar aufregend fand. Ob sie gedemütigt oder geschmeichelt war. Ob sie um ihre Freiheit trauerte oder die neue Sicherheit und den Luxus begrüßte.
Ob sie, nachdem sie schon ihre Eltern verloren hatte, resigniert fragte: warum ich?

Was der Text auch nicht beschreibt ist, wie Esther als Jüdin mit den unreinen Speisen am Hof umging. Daniel hatte in Babylon die Speisen des Königs verweigert, um sich nicht unrein zu machen. Mordechai, ein Verwandter und Ziehvater von Esther, ist strenggläubiger Jude und hat Esther ebenfalls so erzogen. Aber Esther scheint gar kein Problem damit zu haben munter alles wegzufuttern, was man ihr am Hof vorsetzt. Der Text schweigt dazu.

Was der Text aber beschreibt ist eine Situation die, in all ihrer Dramatik, wie vorbereitet wirkt: Esther findet Gunst. Die Leute mögen sie. Sie bekommt Mut zugesprochen. Und als sie zum König gebracht wird, verliert er sein Herz an sie. Sie ist die Eine unter Tausenden.
In einer Situation in der Esther nichts tun konnte - weder ausweichen noch agieren - erlebt sie, dass sich die Dinge zum Besten wenden - ohne, dass der Name Gottes ein einziges Mal fällt. Er wirkt abwesend. Nur wir als Leser können (vielleicht gerade weil der Text die menschlichen Gefühle völlig außen vor lässt) seine feine Handschrift hinter den Zeilen erkennen.
Gott bringt seine Leute an Ort und Stelle. Und zwar noch bevor der eigentlich Krimi beginnt.

Oft frage ich mich in meinem Leben, warum ich in manche Situationen gerate. Warum Gott nicht vorher eingreift. Warum er mich da durch schickt. Und dann erlebe ich wie sich, trotz aller negativen Umstände, die Dinge zum Guten wenden. Ohne, dass der Name Gottes um mich herum fällt. Ohne, dass ich viel dazu getan hätte.
Und manchmal wendet es sich nicht zum Guten. Und ich kann nichts tun. Ich kann nur auf eines vertrauen: dass ich, in den Situationen, in denen ich nicht die Wahl habe, trotzdem am richtigen Platz bin.
Und während ich dort bin und warte, esse ich halt das Buffet leer.


Gott bleibt unsichtbar. Und Xerxes - der feiert. Einmal mehr. Ahnungslos, dass nicht er es ist, der diese Geschichte lenkt.

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